Long, Longer, Long John

Breitseite vom LongJohn

Statt mit einem Lieferwagen werden schwere und sperrige Dinge für Lilalaser mit einem Lasterad transportiert. Das ist im Trend der Zeit, weil CO2-neutral, unschlagbar preiswert im Betrieb und gut für die Kondition des Fahrers. Um wirklich Dinge wuppen zu können, für die man normalerweise einen Lieferwagen braucht, ist es ein Long John, der Tieflader unter den Lastenrädern. Im Bild links ist das Exemplar zu sehen, das üble Zeitgenossen vor vier Wochen hier vom Grundstück geklaut haben.

LongJohn v2, von vorn

Nachdem der geklaute Long John sich nicht im nächstbesten Graben wieder fand und auch bei den offensichtlichen Verkaufsplätzen für gebrauchte Räder von ebay über Flohmarkt bis HeißerDraht nicht auftauchte, habe ich nach Ersatz Ausschau gehalten. Leider hat etwa 2002 der letzte Hersteller dei Produktion von solchen Tieflader-Fahrrädern aufgegeben. Also hilft nur noch der Gebrauchtmarkt. Bei ebay werden solche Lastenräder nur alle paar Monate angeboten. Der Preis erreicht dann schonmal erstaunliche Höhen, wenn zwei Liebhaber sich überbieten. Also habe ich bei einem Angebot aus München ohne lange nachzufragen, das Sofortkauf-Angebot für 450 EUR genutzt. Das ist immer noch ein Sack Geld für ein mehrere Jahre altes Rad, aber ich habe auch schon Long Johns für mehr als 700 EUR weggehen sehen.

Nachträglich hat sich heraus gestellt, dass ich mit den Details Glück hatte: Das Rad hat eine funktionierende 7-Gangschaltung und eine mit Hydraulik betätigte Trommelbremse für das Vorderrad. Der Rahmen ist gerade, ohne Verzug und sogar der Lack hat für ein Gebrauchsrad vergleichsweise wenige Macken. Als Zugabe ist eine gefederte Sattelstütze und ein nochmal mit Druck-und Zugfedern ausgestatteter Gel-Sattel montiert.

LongJonh SCO-Schild

Der Long John aus München scheint jünger zu sein als das geklaute Exemplar. Das Typenschild weist ihn als ein Produkt von SCO aus, was nicht ganz selbstverständlich ist, denn dieser Typ Fahrrad wurde noch von ein Paar anderen Firmen hergestellt. Unter den drei Buchstaben gibt es noch den Zusatz “By Everton Smith” —> Also doch nicht ganz Original SCO. Tante Google kennt immerhin eine Hand voll Links, die Everton Smith einen dänischen Fahrrad-Hersteller nennen. Neben dem allgemein gutem Zustand spricht auch die relativ moderne Ausführung der für ein neueres Produktionsdatum.

Im Vergleich zum geklauten, “echten SCO” gibt es unauffällige, aber wirkungsvolle Änderungen an der Lenkung. Man kann das Vorderrad deutlich weiter auslenken. Beim alten Long John begrenzte besonders bei Linkskurven das Gestänge den Kurven Radius. Außerdem hat man bei langsamer Fahrt leicht das Bedürfnis nach kurzzeitig großen Lenk-Ausschlägen.

LonghJohn Hydraulik-Zylinder

Die Hydraulik-Übertragung der Bremskraft für die Trommelbremse ist eine Mischung aus High- und Low-Tech. Einerseits muss der Zylinder selbstverständlich vernünftig gedichtet und entsprechend genau gefertigt sein. Andererseits wird die Kraft anschließend durch ein grob eingehängtes Stahlseil übertragen.

Im Moment fehlt leider etwas Bremsflüssigkeit, so dass der Bremshebel erst auf der letzten Hälfte wirksam an der Trommelbremse zieht. Was füllt man da ein? Wasser ja wohl nicht. Ich hoffe, dass die Hydraulik insgesamt nicht undicht ist.

Nachtrag: Eine Anfrage in der Usenet-Gruppe de.rec.fahrrad ergab, dass es Hydraulik am Fahrrad sowohl mit Öl als auch mit Bremsflüssigkeit gibt und man auf keinen Fall das Falsche einfüllen sollte. In meinem Fall mit Sachs-Komponenten wäre Öl richtig. Die Sauerei mit der Entlüftungsaktion habe ich hinter mir. Es war tatsächlich etwas Luft in der Leitung. Die Luft konnte man durch Bremshebel drücken bei herausgeschraubter Entlüftungsschraube heraus schieben. Die Entlüftungsschraube sieht man im Bild links neben dem Schlauch-Anschluss. Die fehlende Flüssigkeit habe ich mit Nähmaschinenöl ersetzt. Das ist zwar kein “Royal Blood”, wie die offizielle Bremsflüssigkeit von Magura genannt wird. Aber es wird die Dichtung auch nicht zersetzen und sollte damit für den Zweck genügen. Jetzt zieht Hydraulik ohne Vorlauf am Bremsseil. Die Bremswirkung ist überzeugend — erheblich besser als mit dem meterlangen Bowdenzug, den ich an der Stelle sonst kenne.
Die Sieben-Gang-Schaltung brauchte auch etwas Nachhilfe. Die Mechanik, die den Bowdenzug auf schubstangen für die Schaltungsnabe umsetzt, war durch verharztes Öl quasi bewegungsunfähig. Auseinanderbauen, und mit Öl-Lappen die zähe Schmiere entfernen hat das wieder gängig gemacht. Im Innern der Nabe gab es zum Glück kein ähnliches Problem. Die große Spreizung zwischem ersten und dem siebten Gang ist sehr angenehm im Vergleich zu der Drei-Gang-Schaltung, des Vorgänger-Rads.

Damit mir dieses Rad länger erhalten bleibt, habe ich in ein etwas besseres Schloss investiert. Bei 74 EUR kann man man schon von Investition reden und sich überlegen, welchen Anteil am Gesamtwert das Schloss hat. Als letztes muss noch die Beleuchtung in einen funktionsfähigen Zustand gebracht werden.

 

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